Familienpolitik
Die Familiensituation in Deutschland (Stand 2012)

Vor der Geburt
Jetzt liege ich noch in Mamas Bauch. Mir geht es eigentlich ganz gut. Nur Mama macht sich Sorgen, wie sie sich und mich am gesündesten ernährt. Gute Nahrung kostet eben gutes Geld. Und schließlich haben Papa und Mama bereits den Kinderwagen, mein erstes Bettchen und auch Babykleidung gekauft. Beide haben geschimpft, dass sie hierfür 19% Mehrwertsteuer entrichten mussten. Bei Hundefutter wäre der Staat doch auch mit 7% Mehrwertsteuer zufrieden. Das fanden beide menschenverachtend.
Mama hatte letzte Woche ziemlich heftig geweint. Ihr Arbeitgeber hat sie nicht zu einer innerbetrieblichen Weiterbildung zugelassen und ihr angedeutet, sie wäre, wenn ich einmal auf der Welt wäre, ja nicht mehr
so zuverlässig einsetzbar. Da bewundere ich doch Mamas Frauenarzt. Er kümmert sich auch um mich und erhält für die Betreuung einer Schwangeren eine Pauschale von noch nicht einmal 20 Euro im Monat. Und er hat uns beiden
Schwangerschaftsgymnastik empfohlen. Das macht mir richtig Freude.



Bei der Geburt

Durch den engen Kanal soll ich durch? Und laufend ist mir die Nabelschnur im Weg. Hoffentlich geht das gut. Meine Eltern, besonders meine Mama, sind sehr zuversichtlich, dass ich das schaffe.
Papa hat gemeint, das Risiko wäre zwar gering, aber wenn was schief ginge, blieben die zusätzlichen Belastungen so ziemlich alle bei den Eltern hängen. Darüber ist er gewaltig verärgert.

Nach der Geburt
Das wäre geschafft. Klasse, wie schön es hier draußen ist. So viel Licht und so frische Luft. Aber zu essen ist jetzt nicht mehr so einfach wie vorher. Das macht mich richtig müde. Und ich habe auch gleich mit der Geburt geerbt. 25.000 EUR haben mir meine Eltern gesagt. Sie nannten das Schulden. Was ist das eigentlich? Habe ich diese Erbschaft verdient? Ich bin jetzt auch krankenversichert. Schön, dass ich in Deutschland leben darf. Meine Eltern zahlen tatsächlich nur so viele Sozialbeiträge wie vor meiner Geburt. Aber insgesamt haben sie viel weniger freies Geld als bisher. Ich lebe ja nicht nur von Luft und Liebe. Unsere kinderlosen Nachbarn zahlen bei gleichem Einkommen übrigens genauso viel in die Sozialkassen wie meine Familie. Wenn ich einmal Geld verdiene, dann unterstütze ich meine alten Eltern gerne mit meinen Sozialbeiträgen. Das mit den kinderlosen Nachbarn überlege ich mir noch in aller Ruhe.

Im Krippenalter
Die Mutterschutzfrist ist zu Ende. Mama hat lange gegrübelt, wie sich das mit der Vereinbarkeit von meiner Betreuung und einem sofortigen Weiterarbeiten im Betrieb verhält. Sie meint, ich wäre noch zu klein für hin und her geschoben zu werden. Ich finde gut, dass Mama jetzt in Elternzeit geht. Und außerdem hänge ich doch noch so gerne an Mamas Busen. Mama sieht das etwas kritischer. Wenn sie sich zuhause um mich kümmert, bekäme sie viel weniger Geld als ihre Freundin Sabine, die mit ihr in der Rückbildungsgymnastik ist. Sabine hätte vorher ja auch mehr verdient. Ich aber denke, dass Mama mich nicht schlechter versorgt als Sabine ihr Baby. Irgend so eine Ursula von Soundso hätte dazu verlauten lassen, dass Frauen mit höherem Einkommen mehr Kinder bekommen sollten. Papa meint, Mama habe da was mit einem Thilo verwechselt. Das verstehe, wer will. Na, so schnell sind die vierzehn Monate rum.
Papa hatte irgendwie Streit mit seinem Arbeitgeber, weil er sich zwei Monate lang um mich zuhause gekümmert hatte. Jetzt tuscheln sogar einige Kollegen hinter vorgehaltener Hand. So ganz wohl ist Papa dabei nicht. Er sagt, dass Kinderlose im Berufsleben einfach in der Überzahl wären und dass ihnen die betrieblichen Strukturen Vorteile verschaffen. Mama arbeitet seit zwei Monaten wieder in ihrem Betrieb. Aus organisatorischen Gründen hat man sie dort an einen anderen, angeblich gleichwertigen Arbeitsplatz gesetzt. Der Betrieb musste im vergangenen Jahr ja weiterlaufen, wie der Personalchef so nebenbei anmerkte. Nun muss sich Mama am neuen Platz einarbeiten und kommt immer ziemlich gestresst und frustriert nach Hause.
Mamas Freundin Sabine hat es da besser. Ihr Arbeitgeber hat sie einen Monat lang zur Wiedereinarbeitung und Fortbildung weitgehend von aktuellen Arbeiten frei gestellt. Sabine muss hinterher nur noch an zwei Tagen zur Arbeit in die Firma. Die restliche Arbeitszeit kann sie an einem Telearbeitsplatz (hört sich spannend an), den ihr der Arbeitgeber eingerichtet hat, frei planen. Sabines Tochter Angela hat da wirklich Glück. Ich bin mittlerweile sehr gefragt: dauernd stehe ich im Terminkalender meiner Eltern und meiner Tagesmutter. Das mit der Krippe, wo ich zuerst war, hat nicht geklappt.
Wenn Mama noch im Betrieb arbeiten sollte, wollte die Krippe schon schließen. Dabei hatte Papa mich doch erst zu Beginn seiner Mittagsschicht hingebracht. Einmal war ich mehrere Tage lang krank gewesen – zuhause brach das reinste Chaos aus. Das war aber vielleicht nur in meinen Fieberalbträumen. Die Wirtschaft brauche flexible Arbeitskräfte, habe ich kürzlich eine offenbar wichtige Person im Autoradio sagen hören – ihr Vorname war Mister, Minister, Ministar oder so ähnlich. Da hatte ich mich doch gleich gefragt, ob in der Krippe keine flexiblen Arbeitskräfte beschäftigt waren. Hat bestimmt was mit betriebswirtschaftlicher Ausrichtung und Gewinnorientierung zu tun – davon hatte der Mann im Radio nämlich auch gesprochen. Da kann ich nur hoffen, dass meine Eltern mich betriebswirtschaftlich gewinnorientiert erziehen.
Mamas Freundin Sabine ist wieder schwanger. Angeblich wird es ein Junge. Und einen Namen haben die auch schon für ihn.
Ich allerdings finde „Theodor“ ziemlich blöde.


Autor: Heinz Dabrock
(V.i.S.d.P. Maria Hartmann | Familien-Partei Deutschlands Landesverband NRW)
Die Familiensituation in Deutschland
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